Ich bleibe ich

Der Abspann läuft und ich denke nach. Mal wieder.
Die richtigen Worte brennen sich bei mir jedes Mal viel tiefer ins Gedächtnis, als irgendetwas anderes. Über was ich nachdenke?

Stell dir vor, du bist alleine.

Du wohnst in deinem kleinen, gemütlichen Ein-Zimmer-Appartement, kochst jeden Abend genau eine Portion. Für dich. Die Weinflasche? Sie hält eine ganze Woche. Ein Glas an diesem Abend. Nur für dich, da ist niemand anderes.
Du hast diesen einen Job bei der Agentur bekommen, endlich. Den morgendlichen Kaffee holst du dir gleich um die Ecke, bevor du reinkommst steht er bereit, denn sie wissen, was du bestellst.
Du lebst den Alltag, den du immer leben wolltest. Alleine. Und es fühlt sich so verdammt gut an. So gut.

Freitagmorgen: den Kaffee hast du bereits in der Hand, als du hastig um die Ecke biegst.
Ein Blick aufs iPhone.
Aufprall.
Dein Kaffee? Auf deinem Mantel.
Dein iPhone? Auf dem Bürgersteig.
Du willst es aufheben – eine andere Hand kommt dir zuvor. Du richtest dich auf und schaust den zugehörigen Menschen an – und bist bald nicht mehr allein.

Vielleicht zu überspitzt, zu kitschig. Aber was passiert nach dieser Begegnung?
Bist du dann immer noch gerne allein? Genießt du das Glas Wein, wenn kein Zweites neben dir steht und jemand mit dir anstößt?
Oder wirfst du alles über den Haufen? Und nach einigen Monaten dann, fällt dir auf, dass du vernachlässigt hast, mit den Mädels donnerstags Auszugehen, zum Sport zu gehen, deinen Kaffee ganz für dich zu genießen.

Noch vor einigen Monaten wäre mir bei dieser Frage schlecht geworden. Da gab es eine Illusion, eine Vorstellung von einem perfekten Alltag. Eine Vorstellung, die ich nicht umgesetzt habe. Vielleicht ein Gedanke, den fast jeder von uns in sich trägt.
Viel gedacht, gemacht. Nicht getraut. Zurückgezogen. Alles wieder nur im Kopf.

Jetzt? Jetzt bin ich Ich. Und keine Begegnung verändert das.

Ich setze Prioritäten, die nicht von einem Gefühl über den Haufen geworfen werden, schreibe feste Termine in meinen Kalender, die nicht abgesagt werden, weil ich mich nach jemand anderem richte.
Ich bleibe ich. Und ja, das ist egoistisch, vielleicht an einigen Ecken unsympathisch. Aber ein bisschen Egoismus – das ist notwendig, das ist verdammt gut.
Und heute? Heute bin ich ein positiver Mensch. Viel positiver, als zuvor. Viel glücklicher als zuvor. Selbstbewusster. Stärker.
Ich bin nicht unfehlbar.
Ich bin: oft zu laut, selten zu leise, überempfindlich, leidenschaftlich, verletzlich, verletzend, alles auf einmal und nichts davon einzeln.
Trotzdem bin ich nicht allein – aber ich kann, wenn ich will.

Was mir außerdem klargeworden ist? Die Worte in meinem Kopf? Sie sind zu schade, um sie für mich zu behalten. Manchmal viel zu schön, zu berührend, zu beeindruckend. Sie müssen raus, auf ein Blatt Papier, auf einen Blog.

Viel gedacht, gemacht. Doch nicht getraut. Zurückgezogen. Alles wieder nur im Kopf?
Nicht dieses Mal. Nein, nicht dieses Mal.

Fotos: Andy Ebner

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2 thoughts on “Ich bleibe ich

  1. Soooooo wahr! Erst heute darüber nachgeDacht und du bringst es auf “papier”, danke für den DenkanStoss 🙂

  2. hallo meine liebe denise! 🙂
    du bloggst wieder, wie cool ist das denn? ist richtig schön geworden und die bilder sind ja der wahnsinn!
    und mal zum thema: superschön geschriebener text. und wichtige erkenntnis.ich glaube, es ist gar nicht so schlecht, wenn man sich mal selber “verloren” hat, durch das wiederfinden wächst man. da müssen wir vielleicht alle durch.
    freue mich auf weitere posts und gedanken!
    xo jule rona

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