Kein Zuhause

 

Koh Tao, Thailand.
Es ist die zweite Unterkunft an dem vierten Ort, den wir bereisen.
Wir sind bereits seit zwei Wochen unterwegs. Langsam fühle ich mich rastlos.
Es sind fremde Gerüche, fremdes Essen, andere Sitten.
Andere Menschen.
Irgendwie habe ich ein klein wenig Heimweh.
Als ich einige Stunden später meinen Freund umarme, während wir in der Dämmerung mit dem Roller über die Insel fahren, sieht das schon anders aus.
Heimweh vorbei.
Ich habe ja doch alles im Gepäck, was ich brauche.

Zeitreise.
New York City, USA.
Es ist 2014 und ich bin zum ersten Mal hier.
In der ersten Woche ist alles so aufregend. Neu. In der zweiten Woche kennen wir das Straßenbahnnetz in und auswendig. In der dritten Woche fasse ich den Entschluss, später hier zu wohnen.
Ich will nicht mehr heim.
Vermissen? Tue ich nichts und niemanden.

Stuttgart, Deutschland.
Ich mache die Kühlschranktür auf. Obwohl er bis obenhin vollgestopft ist, finde ich nichts Essbares. Currypasten, Ketchup, zweierlei Frischkäse.
Ein bisschen Obst! Aber es gehört nicht mir, sondern meiner Mitbewohnerin.
Zuhause hätte es das nicht gegeben.
Zuhause? Damals, bei Mama meine ich.
Jetzt wohne ich bereits seit über einem Jahr nicht mehr zuhause. Mein Zuhause, so wie ich es kannte, existiert nicht mal mehr.
Jetzt? Bin ich hier gemeldet. In dieser Wohngemeinschaft mit meinem zehn Quadratmeter Zimmer.

Noch eine Zeitreise. Das Ziel? Die Zukunft.
Ich wohne in einer hellen Altbauwohnung mitten in der Großstadt. Laufe barfuß über das kühle Fischgrätenparkett auf den kleinen Balkon und genieße dort den ersten Kaffee am Morgen. Vielleicht bin ich verheiratet, vielleicht lebe ich hier alleine. Hier wohne ich. Das hier? Ist jetzt mein Zuhause.

Die Frage nach einer Definition von Zuhause? Ich denke, es gibt keine Antwort. Zuhause ist ein Gefühl. Nicht ein einziger Ort, eine Person.

Zuhause ist der Geruch nach Schwefel am See, Gemüsecouscous, den meine Mitbewohnerin für mich kocht, eine Tasse Tee auf dem Sofa mit Mama.

Sie geht nicht nach Amsterdam, weil sie Angst hat, Heimweh zu haben.
Er zieht nach Berlin, weil dort seine Familie wohnt.
Und ich? Ich denke darüber nach, ob Oslo nicht doch zu weit weg von hier ist.
Oder New York.
Stuttgart ist doch so wunderschön. Stuttgart ist doch Heimat.

Aber mein Zuhause – das habe ich doch dabei, wo auch immer ich hingehe. Meinen Freund direkt neben mir, Mama per Skype, Papa im Herzen. Immer.

 

Fotos: Andy Ebner

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1 thought on “Kein Zuhause

  1. WuNderschön geschrieben.

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