Wir sind also Menschen

 

Im Café sehe ich mir die alten Schwarzweiss Fotos an den Wänden an. Alte Möbel, wie damals in den Siebzigern. Neben uns sitzt eine Gruppe Frauen, jede von ihnen mit einer Kamera um den Hals. Gegenüber drei Freunde, alle trinken frischen, unter den großen Lampenschirmen dampfenden Tee. Ich denke nach.

Wir sind also Menschen.

Wir setzen uns in Räume, die wir Cafés nennen und bestellen ein Getränk, für welches wir mit unserer landesüblichen Währung bezahlen. Wir trinken Alkohol, manchmal wenig, manchmal zu viel, hören Musik und fühlen uns gut dabei – oder ganz traurig.

Wir sitzen auf Stühlen und schlafen auf Matratzen und Kissen. Wenn wir ein Problem haben? Gehen wir zum Arzt und holen uns eine Krankschreibung um dann Medikamente zu nehmen, welche jahrelang in Laboren entwickelt und an Tieren getestet wurden.
Wir rauchen Teer und tragen Fuchs und Hase tot auf unserem Körper. Essen die Tiere aus dem Streichelzoo oder entscheiden uns ganz bewusst dagegen.
Wir sagen “Ja” auf lebenslänglich und unterschreiben einfach auf einem Papier, wenn wir dann doch möchten, dass dieses lebenslänglich endet.
Wir schreiben Blogposts, veröffentlichen Bilder im von uns entwickelten Internet, welches die ganze Welt vernetzt, wollen Likes und machen alles “doch nur für uns selbst”.
Wir reisen in Flugzeugen auf andere Kontinente, aber auch nur, wenn es unser Kontostand und der Urlaubsanspruch genehmigen.

Wir Essen. Gerne. Fühlen uns ab und an schlecht danach und trainieren auf mit Strom betriebenen Geräten im Fitnessstudio den Überschuss an Kalorien wieder ab.
Wir machen Diäten, essen fettreduzierten Käse, kaufen Schuhe für halbe Monatsmieten.
Wir zweifeln an uns selbst, hassen Freunde und suchen uns Feinde. Schießen im besten Fall auf Wild, schlagen einen Unschuldigen in der Ubahn zu Boden.

Wir leben nach einem Gesetzbuch, das von uns eingeführt wurde und uns hinter Gitter bringen kann, schließen den oder den aufgrund der anderen Hautfarbe aus.

Wir haben Sorgen um Geld, Sorgerechtsstreits, Sorgen um Sorgen und reden uns ein, dass morgen besser wird, der Therapeut uns schon helfen kann, eine Freundschaft für immer ist und ein einziges Gebet uns erlösen wird.

Wir suchen Halt. In einem oder vielen Göttern, in Religion und rechtfertigen damit einen Krieg, der alle Gebote verletzt.

Wir fühlen uns alleine, sehnen uns nach Zweisamkeit. Lehnen diese ab, lügen, betrügen und wundern uns, warum die Beziehung wieder nur drei Monate gehalten hat.

Wir sind also Menschen.
Uns gehört doch die Welt, denken wir. Wir bleiben für immer und die Welt gehört uns nicht nur – sie dreht sich sogar um uns.

Am Ende? Zählt absolut nichts davon. 
Und genau deshalb zählt doch jeder einzelne Moment.

 

 

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