Zwei Schlafsäcke, keine Zuflucht

Die Tür fällt ins Schloss. Einen Moment später bemerke ich beim fast schon automatisierten Griff in meine linke Jackentasche, dass ich etwas vergessen habe: den Schlüssel. Ein ungutes Gefühl macht sich in meinem Magen breit. Hier draußen hat es knapp unter null Grad Celsius und ich trage zwar meinen Wintermantel, die Kälte dringt aber dennoch zu jedem Quadratzentimeter meines Körpers durch.

Eine halbe Stunde später bin ich gerettet. Ersatzschlüssel. Nur kurz fünf Minuten zum Restaurant laufen, in welchem mein Freund arbeitet.
Schnell nachhause. Ins Warme.

Auf meinem Heimweg laufe ich durch eine kleine Unterführung, da sehe ich sie:

Zwei Schlafsäcke.

Ich laufe weiter, blicke kurz zurück, verstehe. Denke nach.

Zwei Schlafsäcke. Zwei Menschen. Zwei Plastiktüten. Keine Zuflucht.

Meine Schritte werden langsamer und mein vergessener Schlüssel kommt mir so nichtig vor. Eine ganze Nacht statt einer halben Stunde in der Kälte?
Unvorstellbar. Gefährlich. Unwürdig.

Und wieder einmal will ich abgeben. Alles, was ich zu viel habe. Alles, was ich nicht unbedingt brauche.
Wir leben in einer Welt, die von Konsum und Reichtum bestimmt wird.
Unser Alltag? Besteht aus Kassen. Rechnungen. Arbeit. Sorgen? Natürlich um Geld. Dass der Urlaub ins Budget passt. Dann London, Bangkok, Berlin und wenn wir knapp bei Kasse sind? Wird es eben mal nur ein Wochenende am Bodensee.
Arbeitslosigkeit. Angst. Onlineshopping, zwei Mal im Monat.
Mindestens.

Die Schubladen meiner Kommode gehen nicht mehr zu. Überfluss. Nichts anderes. Der Anblick? Macht mich irgendwie traurig. Von den Shirts ganz hinten im Schrank weiß ich nicht einmal mehr, dass ich sie besitze.

Und dann – in meinem Kopf: Zwei Schlafsäcke. Zwei Menschen. Zwei Plastiktüten.
Und ich: Ein Bett. Eine Wohnung. Ein Auto. Ein Kühlschrank. Ein Kleiderschrank. Eine Valentino. Fünf Mac Lippenstifte. Ein iPhone. Ein MacBook. Ein Bankkonto. Ein Job. Zukunftschancen.
Zuflucht.

Beim Kisten packen für den Flohmarkt am nächsten Tag fülle ich vier Umzugskartons mit Kleidern, die mir zwar noch passen, die ich aber nicht mehr anziehen möchte.

Irgendwas stimmt hier nicht.

 

Fotos: Andy Ebner 

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1 thought on “Zwei Schlafsäcke, keine Zuflucht

  1. Wow, echt toller Artikel ! Der Text und die Fotos sind auch mega schön !
    ich mache mir auch immer sehr viele gedanken über das thema und grade in den letzten monaten fällt mir imer mehr auf, wie viel glücklicher ich ohne all die besitztümer bin, ich selbst lebe grade quasi von nichts und schlage mich irgendwie durch, auf meiner reise durch die welt, ohne irgendwelche rücklagen .. und da fällt mir immer mehr auf, wie viel die menschen immer ausgeben für all den teuren überflüssigen scheiß, der nicht mal glücklich macht, mit dem geld könnte man so viel bbesseres mmachen, könnte anderen helfen ..

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