Vielleicht werde ich 100

“Ich weiß nicht, ob ich alt werde. Kann mir das einfach nicht vorstellen. 50 vielleicht, oder 60. Aber irgendwie ist alles was danach kommt so fern und erscheint so unerreichbar.”
Mama fasst sich aus Entsetzen an die Stirn und fragt mich, warum ich so denke. Ich muss nicht lange überlegen, um eine Antwort zu finden, die tatsächlich mit meinem Empfinden übereinstimmt:
“Ich glaube – ich bin zu schwach.”

Ich glaube also tatsächlich, ich bin zu schwach.
Ja oder nein? Wirklich? Warum?
Vielleicht, weil mich einmal im Jahr die Grippe packt, gesundheitliche Kleinigkeiten mich an großen Dingen hindern, ich mich nicht dazu im Stande fühle, einen Halbmarathon zu laufen, ich beim Armdrücken immer verliere? Deshalb?
Warum fühle ich mich schwach?
Weil ich eine Frau bin – vielleicht?
Vielleicht.

Frauen – in unserer Gesellschaft: das schwächere Geschlecht. In anderen Ländern: ohne Rechte. In der Modelindustrie: Puppen, Fleisch. Für das andere Geschlecht oft: ein Bündel aus Emotionen, das jeden Moment platzen kann.
So viele Vorurteile, so viele Gedanken. Ausgesprochen oder nicht – alles färbt auf mich ab, nicht nur auf mich.

Das Resultat: Wir müssen dafür kämpfen, dass Mädchen geboren werden dürfen, dass sie eine Stimme haben. Dass sie frei sind und ihre Körper nicht für Geld verkauft werden. Wir halten Reden, Workshops, schreiben Blogs und machen Videos, in welchen wir Frauen dazu ermutigen, in Leiterschaft zu treten, sich stark zu fühlen – wertvoll zu sein.

“Ich bin aber nicht so stark wie ein Mann.”, denke ich mir.
Und ja – das stimmt – wenn ich den Begriff auf die Hälfte reduziere. Wenn ich meine Stärken mit denen von anderen Menschen, egal ob Mann oder Frau, vergleiche.

Sind wir nicht eigentlich alle stark, wenn wir aufhören, den Begriff einzuschränken und zu definieren? Sind dann unsere vermeintlichen Schwächen nicht eigentlich unsere größten Stärken, unsere Geheimwaffen, die kein anderer besitzt?

Früher habe ich gedacht, dass ich schwach bin, weil ich nah am Wasser gebaut bin.
Heute weiß ich, dass es ein Geschenk ist, Höhen und Tiefen empfinden zu können.
Ich dachte, dass die vergangenen Erlebnisse mir geschadet und einige Narben hinterlassen haben. Jetzt – könnte ich niemals diese Zeilen schreiben, wenn mein Weg anders verlaufen wäre.
Und da gibt es noch so viel mehr.

Versuch doch ab heute mal öfter “ich schaffe das” zu sagen und “versagen” aus deinem Wortschatz zu streichen. “Etwas versucht zu haben” statt “zu verlieren”, zu lernen, statt aufzugeben, zu trainieren, statt sich schwach zu fühlen, nicht nur beim Sport.
Nicht deine Schwächen mit den Stärken anderer zu vergleichen, sondern: deine Stärken zu entdecken, und lernen, dich stark zu fühlen.

“Vielleicht werde ich 100. Ich bin stark.”

 


Fotos: Andy Ebner

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1 thought on “Vielleicht werde ich 100

  1. Eeeey.was meinst du mit Begriff? Meinst du das wort “stark”? Ich finde die Idee richtig gut, zu sagen, dass die Positivität subjektiv ist. Das ist äHnlich wie gut und Böse: was für den einen gut ist, ist Für den anderen böse (wirtschaftssySteme? Ökologisches verhalten? Feminismus?)

    Genauso ist es eben mit stark und schwach. Für den einen ist es eine schwäche zu weinen und für denjenigen, der diese fähigkeit verloren hat, eine stärke. Aber relativieren wir nicht das leBen, wenn alles so subjektiv ist?
    Können wr dann üBerhaupt regeln festlegen?
    Ich sage Zum zweiteren ja. Weil subjektivität Ebenso einen Querschnitt bilden kann. Das hat unser Gesellschaft auch schon getan: wir nennen es das moralIsche Gewissen/verständniss.
    Jedoch glaube ich, dass wir dIese Subjektivität immer mehr verlieren, weil wir im einheitsbrei des Socialmedia ersticken. Zu was das führt? Mal eS dir selber aUs…
    Ich Bin auf jedenfall etwas abgeschweift, wollte dir eigentlich nur sagen: Weiter so!

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