Schuld ist ein Riesenrad

 

“Er ruft nicht mehr an.” Er wird einfach nicht mehr anrufen. Und ich kann es nicht begreifen.
Ich habe doch alles gegeben.

Ich sitze da. Die “Stiftung Warentest” Zeitschrift liegt vor mir auf dem kleinen Tisch.
So vertraut.
Nichts hat sich verändert in diesen einundzwanzig Jahren die ich bereits hier ein und aus gehe.
An den Wänden des Wartezimmers hängen dieselben Kritzeleien und ein Kind haut die Schublade zu, in der die vielen Lego-Bausteine ohne irgendeine Ordnung liegen, die auch ich vor einigen Jahren zu einem riesigen Turm zusammengebaut habe.

Vor einigen Jahren? Vor zehn oder fünfzehn, vielleicht.
Hier gehe ich schon mein ganzes Leben lang zum Hausarzt. Und im Nebenzimmer habe ich jahrelang an meiner Sopranstimme gefeilt.
Sopran 1. Die oberste Stimme. Der Ton über allen anderen.

Ich höre meinen Namen. Ich stehe auf. Schüttle Hände, lächle. Wie es mir geht? Gut, sage ich. Und das stimmt. Zum ersten Mal seit einigen Tagen stimmt es.

Ich bin schuld an allem. Das habe ich noch vor diesen einigen Tagen zu ihm am Telefon gesagt.
Aufbrausen, impulsiv reagieren, anrufen.
Wieder und wieder. Ich bin schuld. Das habe ich zu mir selbst gesagt.

Wochenlang lebe ich in meinem Kopf. Und das Chaos wird größer. Wie mache ich die Dinge wieder gut? Wie entschuldige ich mich für meine Emotionen, für Dinge, die gesagt, aber nicht gemeint wurden, für Dinge, die ich nicht gesagt, aber gedacht habe?

Eine Situation, die bereits lange hinter mir liegt.
Trotzdem beschäftige ich mich so oft mit diesem Thema: Schuld.

An was bin ich schuld, inwiefern trägt der andere die Schuld für etwas?
Viel zu oft denken wir Gedanken tot. Wir drehen uns im Kreis.
Im Kopf spinnt ein Riesenrad. Runde für Runde, kein Ausstieg. Dir wird schlecht, du willst abspringen. Die Stimme, die du eigentlich besitzt? Sie wird immer leiser.

Bist du schuld? Hättest du irgendetwas anders, besser machen können?
Und viel zu oft passiert es dabei, dass wir vergessen, dass da noch mindestens eine zweite Person mit uns im Riesenrad sitzt. Viel zu oft stellen wir unsere eigenen Handlungen in Frage und vergessen dabei, dass wir eventuell auch mal alles richtig gemacht haben könnten.

Denn die Frage ist doch nicht wie, sondern ob ich mich überhaupt entschuldigen muss.
Schuld eingestehen? Ja. Bitte. Aber überlegt. Nicht aus der Verzweiflung heraus, nicht als Ausweg.
Und Ja! Wir haben eine Stimme. Und wir dürfen diese nutzen und sie nicht immer zwischen all’ den anderen viel lauteren Stimmen untergehen lassen. Wir dürfen uns auch mal selbst auf die Schulter klopfen und sagen: Du trägst keine Schuld.

Ich habe eine Stimme. Vielleicht, ganz sicher sogar, die Oberste.
Plötzlich bin ich nicht nur die lauteste Stimme des obersten Soprans. Ich kann auch Alt. Ich kann Tenor – wenn ich will. Ich singe den Refrain des Liedes im Sopran Zwei.

Und ich habe eine Antwort auf alle meine Gedanken:
Gar nicht. Ich entschuldige mich gar nicht. 
Denn ich bin nicht schuldig.

 

 

Tagged , , , , , , , , , , ,

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *