Gleis Zwei: Freundschaft

 

Es ist bereits dunkel, als wir mit Blick auf den großen Mercedes Stern die Straße hinunter gehen. Wir schieben die Vespa neben uns her, so als wäre sie kaputt. Der ein oder andere Passant wirft uns im Vorbeigehen einen bemitleidenden Blick zu.
Aber keine Sorge – hier ist nichts kaputt.

Wenn ich an den Anfang des Abends zurück denke, dann kommt es mir nicht so vor als wäre das erst zwei, vielleicht drei Stunden her.

Freundschaft. Verständnis. Zwei so vertraute blaue Augen.

Wir bleiben stehen und du stellst die Vespa in eine kleine Parklücke. Noch fünfzehn Minuten, dann fährt der Zug ab. Gleis Zwei. Wie immer.
Aber es ist nicht wie immer. Eigentlich alles beim Alten. Aber heute war nichts wie immer.
Wieder an Zehntausenden von ihnen vorbeigelaufen. Weiß nicht einmal mehr, wie ihre Gesichter aussehen.

Eine Begegnung. Und das zählt.

Einen Menschen zu treffen, sich mit ihm zu unterhalten, ab und zu zu lächeln – das tut gut.
Das ist es doch, was ein gutes Gespräch ausmacht.
Aber was macht das Gespräch besonders? Was hat das Gespräch heute so besonders gemacht, dass genau diese Begegnung für mich zählt?
Und woran erkennen wir, dass der Mensch den wir vor uns haben nicht nur einer für die nächsten zwei, vielleicht drei Stunden, sondern für die nächsten Jahre ist?

Nach all den Begegnungen, all den Jahren da weiß ich doch genau was Freundschaft ist.
Weiß ich es?
Paradoxon. Ich habe keine Ahnung.
Keine ist gleich. Die eine geht schief, die andere bleibt. Was ist dann Freundschaft? Definitionslos?

Oder so: Freundschaft ist das Gefühl von Verbundenheit, Ehrlichkeit, Verständnis.
Und die Zeit vergeht, als wäre der Zeiger kaputt und liefe viel zu schnell.

Stunden im Sekundentakt. Irgendwas stimmt nicht. Aber eigentlich stimmt irgendwie alles.

Vorhin war es noch hell. Und ich erinnere mich wieder daran, wie der Abend begonnen hat. Du klappst das MacBook auf und musst noch etwas erledigen. Stress. Kurze Stille. Geht das schief, wird das hier zählen?
Das hier zählt.
Mit deiner Art machst du alles weg, das Macbook verschwindet, obwohl es auf dem Tisch direkt vor uns steht – es macht mir nichts aus, denn ich weiß, dass du hier sein möchtest.
Ich weiß, dass dein Lachen echt ist.

Dein Lachen ist echt. Zwei blaue Augen. Und ich weiß: diese Begegnung zählt.

Und als wir so die Vespa durch die Straßen schieben ist es egal was die Leute denken. Nichts ist kaputt. Mir ist klar dass ich heute Abend etwas gewonnen habe.
Ein gutes Gespräch, Einsichten, Verständnis. Vertrauen? Vielleicht. Ganz sicher sogar.

Freundschaft. Zwei vertraute blaue Augen.

Ich laufe zu Gleis zwei und du fährst mit der Vespa in die entgegengesetzte Richtung. Sie fährt, obwohl sie alt ist. Auch wenn die Leute auf der Straße gedacht haben, dass sie kaputt ist.

Heute war ganz und gar nichts kaputt.

 

Fotos: Andy Ebner 

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