Spiegelbilder

Angesicht zu Angesicht. 

Nicht zu verhalten, starr ist mein Blick. 
Wenn ich ‘s könnt’ – zeichnen würd’ ich Dich. 
Makel beseitigen. 

Die rechte Hand heb ich zum Gruß,
zeitgleich du die Linke. 
Und geh’ ich Schritte auf Dich zu – 
erwidert werden sie. 

Vereinzelt, ja, da hass’ ich Dich! 
Zufrieden mit Dir? 
Selten. 

Nachdem ich das letzte Wort des Gedichtes ausgesprochen habe, wage ich es langsam, meinen Blick zu heben und die Klasse anzusehen. Alle Augenpaare sind fest auf mich gerichtet, aufgerissen. Ihre schwarzen Pupillen malen große Fragezeichen an die Kreidetafel hinter mir.

Sie können das Rätsel nicht lösen. Sie verstehen nicht, um was es hier geht.
Ich habe hierfür kein Verständnis, aber ich lasse mir nichts anmerken. Es ist sowieso nur ein Referat, denke ich mir. Keiner muss mich verstehen.

“Es heißt ‘Spiegelbilder'”, sage ich. Das Gedicht, das ich letzte Woche geschrieben habe. Es heißt Spiegelbilder.

Damals – mit 14 Jahren – habe ich mich im Spiegel erkannt. Ich wusste genau, dass die Person, deren Reflektion ich in der Silberschicht unter der Glasplatte erkannte, meinen Namen trägt.
Heute sehe ich mich viel zu selten in diesem Spiegel an. Dafür aber, sehe ich viel zu oft in ein anderes Spiegelbild. Eines, das ich selbst erschaffen habe: Mein Social-Media Feed.
Selbstdarstellung. Selbstvermarktung. Farbspiele. Gleichzeitig Gefühle. “Real Talk”. Authentizität.

Authentizität?
Auf meinen Kanälen ist alles echt. Denke ich. Doch dann fällt mir auf, dass nur die Momente es auf die Timeline schaffen, die ich für “picture perfect” halte. Ist das nicht frech? Anderen zu suggerieren, dass mein Leben perfekt ist? Und was passiert, wenn nicht ein Profil mit 800, sondern mit 80.000 Followern diese Inhalte verbreitet?
Haben wir nicht einmal die kleinste Chance, glücklich zu sein, wenn wir nicht jeden Tag eine Stunde “me time” haben und unseren Morgen nicht um 6 Uhr mit Yoga und Matcha Latte starten und alles in einer perfekt belichteten Story festhalten?
Wieder ertappe ich mich dabei: dass ich kaum etwas in meine Story lade, das nicht auch gleichzeitig vor Ästhetik sprüht. Kaum etwas, das sich mit kontroversen Inhalten beschäftigt.

Aber genau das ist dabei doch das Interessante:
Welcher Mensch steckt tatsächlich hinter dem Profil, dessen Posts du so gerne jeden Tag ansiehst? Erkennst du ihn, erkennt er sich selbst in diesem eigens kreierten Spiegelbild wieder?

In meinem Kopf sind so viele Gedanken zum Thema Instagram und Co.
Ich blogge, ich poste, ich studiere das sogar. Und doch habe ich langsam genug. Genug von diesen farblich perfekt abgestimmten, “Anleitung-zum-Glücklichsein” – Feeds und den versteckten Produktplatzierungen.

Ich will Ehrlichkeit. Inspirationen. Gedankengänge, die uns bewegen. Persönliches, nicht pauschalisiertes Glück.

 

Fotos: Andy Ebner

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