Privat: Blog

Nimm mich an der Hand

Ich lehne mich aus dem Fenster und schaue auf die Straße. Ich kann die Sonne hinter all’ den Autos erkennen und die Vögel singen zum ersten Mal an diesem Tag. Die Sonne bringt Licht in diese viel zu lange Nacht.

Deine Füße hinterlassen ein lautes Tapsen auf dem Holzparkett dieser Altbauwohnung und ich kann Deine kalten Hände schon jetzt auf meiner Haut spüren, obwohl Du noch einige Meter entfernt von mir stehst.

Ich drehe mich um und sehe Dich an. So, wie ich Dich auch am ersten Tag angesehen habe.
Da sind Zweifel in Deinem Blick, ganz viel Angst in Deiner Berührung. Ein “Ich habe viel erlebt” und ein “ich bin lange geschwommen, bis ich schließlich die Füße aus dem Wasser ziehen konnte”.
Da ist Sanftmut, versteckt hinter Bergen von “ich muss so tun als ob” und vielleicht zu viel Leidenschaft, Gefühl. Emotion.

Ich sehe Dich an. Und ich weiß es geht nicht.

Aber was, wenn Deine Hand meine noch will nachdem wir beide wieder weitergezogen sind? Was, wenn meine Hand Dich hoch, statt nach unten ziehen will und Dir den Rucksack leichter macht?
Was, wenn Deine Hand die Berührung meiner niemals vergisst?

Denn was, wenn Du loslässt, obwohl Du gerne festhalten würdest – sag mir, kannst Du dann wirklich jemals loslassen?

“Es geht nicht”, sagst Du und siehst mir in die Augen. Zum ersten Mal ehrlich. Zum ersten Mal so, als wüsstest Du jetzt, wer ich bin.
Die Sonne wird heller und hinterlässt einen Schatten auf meinem Gesicht, den Dein Finger umfährt. “Das hier geht nicht”, sagst Du und Deine Hand legt sich um meine Wange.
Du nimmst das Glas zur Seite, setzt Dich auf das rote Sofa und streckst Deine Hand aus. “Nimm meine Hand”, sagt Dein Blick. “Es geht nicht, aber berühr’ sie nur ein einziges Mal”.

Ich weiß, hier bei Dir ist kein Licht zu finden. Aber ich – ich trage es in mir, ich trage es bei mir – ich trage es zu Dir. Sicher nicht in den vergangenen Wochen, vielleicht nicht heute. Aber morgen. Oder am Tag danach. Denn ich weiß, dass alles in Dir sich danach sehnt, wieder – oder überhaupt jemals – zu leuchten.

Ich sehe Dich an. Und ich nehme Deine Hand, wenn Du mich lässt.

Vielleicht sieht man sich bald wieder

Ich steige gestresst aus dem Wagen. Dreißig Minuten Verspätung. Ich bin müde, die Bahn kam zuerst zu spät und dann überhaupt nicht. Zum Bus hetzen, das falsche Einkaufen, Autofahrt.
Dass es Dich gibt weiß ich noch nicht. Aber irgendein Gefühl sagt mir seit einigen Tagen, dass dieses Wochenende etwas Besonderes birgt. Irgendein Gefühl sagt mir, dass jetzt, endlich, ganz genau nach einem Jahr, die Zeit ist, um zu Finden.

Du strahlst. Und Du bist schön. Du siehst aus wie Er – ein ganz kleines Bisschen. Wir reden.
“Hier. Falls es brennen sollte”, sagst Du, lachst und streckst mir die rote Visitenkarte entgegen.

In meinen Gedanken? Da sind wir Sonntag Abends in die Weinberge gefahren, haben ein, zwei Bier beim Sonnenuntergang getrunken. Geredet, die Decke um uns gelegt. Bis spät nachts gelacht und im Bus übernachtet. Wir haben den Anderen kennengelernt, ich hab Dir so vieles erzählt, für Dich gekocht, Dich überrascht. Mich selbst überrascht. Und mich ein ganz kleines Bisschen verliebt.

Verliebt – das war ich schon lange nicht mehr. Rationalität macht sich breit, überall, seitdem Du mir beigebracht hast, dass Gefühle gesteuert und unterbunden werden können.
Weil Gefühle zulassen gleich “einladen” bedeutet. Ein “komm-ich-zeig-Dir-meine-Welt”, ein “ich-trau-mich-etwas-zu-verlieren”.
Und ich hab schon verloren, ein, zwei Mal. Lieber Mauern bauen, statt tief in die Augen schauen. Lieber gar nicht erst berühren, statt nie mehr berühren zu können.

Aber dann steige ich aus dem Auto und Du stehst da. Und ich traue mich. Weil ich will. Zum ersten Mal nach einem Jahr.

In meinem Kopf ging das Ganze ziemlich schnell. Dabei stehen wir immer noch hier. Auf dem Parkplatz. Du mit dem schlechtesten Getränk des Jahres, ich mit Deiner Visitenkarte.
“Vielleicht sieht man sich bald wieder”, sagst Du und gehst in Richtung Schranke.
“Ja, vielleicht.”

Fotos: Constantin Schiller

Eine Reise durch 2017

Wir sitzen zu zweit auf dem Sofa. In der Wohnung, in der ich mein 2017 verbracht habe. Transformers läuft – zum ersten Mal. Der Film fängt gerade erst an und ich kann der Handlung bereits jetzt nicht mehr ganz folgen. Ich neige meinen Kopf leicht zur linken Seite und sehe ihn an. Seine großen Augen glitzern und Optimus Prime spiegelt sich in den schwarzen Pupillen. Seine Haut ist weich und der Bart im Vergleich zu letztem Jahr um einiges länger.

Letztes Jahr. Das hört sich bereits so weit weg an. Wenn ich an das letzte Jahr denke, erkenne ich mich selbst kaum wieder.
Ich sehe Selbstzweifel im Januar. Verzweiflung und Wut im Februar. Neid, Eifersucht. Angst, besonders Verlustangst.
Klammern und Hoffen von März bis April.

“Es wird kein gutes Jahr”, denke ich mir im Mai.

Ich verliere Menschen im Juni – einen Einzigen, um genauer zu sein. Einen von den guten. Die Vergangenheit hat bis jetzt in jedem Monat immer wieder meine Gegenwart gekreuzt. Sie will mich nicht loslassen, hat irgendwie noch eine Rechnung offen. Währenddessen verliere ich nahezu den Verstand, verliere den ohnehin schon seit 14 Jahren wackligen Boden und den Sinn, den ich noch nicht einmal gefunden habe.

Und dann, von heute auf morgen? Fasse ich den entscheidenden Entschluss.
Ich glaube daran.
An etwas das größer ist, als all das hier. Ich glaube an Jemanden. Und ich glaube an mich selbst.

Im Juli dann: Alles Neu – auf eine zauberhafte Art und Weise.
Eifersucht wird zu Vertrauen, Zweifel zu Mut und Verlustangst wird zu Dankbarkeit.
Ich lerne, dass Liebe Glück bedeutet, wenn man sie nur lässt. Dass Mauern von innen aufgezogen werden und uns einzige und allein den Weg zur Sonne versperren, die dann  im August und September am anderen Ende der Welt auf mich wartet.
Im Oktober heißt es: über Grenzen gehen, sich endlich das trauen und vor allem selbst zutrauen, was schon ewig im Hinterkopf wartet. Neue Situationen meistern, ohne dabei im Stress zu versinken. Was ich mitnehme? Dass alles nur halb so schlimm ist, wie ich im ersten Moment denke und besonders, dass es sich lohnt, den ersten Schritt zu wagen.
Erst im vorletzten Monat des Jahres werde ich an Dankbarkeit erinnert. Daran, wie wichtig gute Freundschaften und die richtigen Menschen sind.

Jetzt ist Dezember und ich denke an das Feuerwerk zurück, mit welchem dieses Jahr vor zwölf Monaten begann.
Die Momente eines jeden Monats, so zerbrechlich und vergänglich – ich atme sie ein, verinnerliche und halte sie so lange fest, wie ich nur kann. Meine Augen glitzern. Freudentränen. Das hier ist vergänglich. Und genau deshalb wertvoller als alles andere.

Und plötzlich bin ich mit meiner Reise durch die Zeit am Ende, wieder auf dem Sofa angelangt. Im Wohnzimmer neben ihm. “Du hast mein 2017 erfüllt”, denke ich. Und dann korrigiere ich mich selbst: “Du hast mir unzählige wundervolle Momente geschenkt.
Aber – mein erfülltes Jahr 2017? Das war ich. Ganz allein ich.”

Hoodie: The Cartwheel Project – Fotos: Andy Ebner 

Prioritäten: Was wichtig ist

Beschleunigungsgesellschaft. Web 2.0 – schon veraltet. Termine, Termine. Noch mehr. Die Woche ist voll, Abende sind doppelt verplant. Hoffentlich sagt jemand ab, dann kann ich all’ das erledigen, was seit Wochen liegen geblieben ist.

In dem Tunnel aus tickenden Uhren finde ich kein oben und unten. Was ist wichtig, was ist nichtig? Wo setze ich Grenzen, wo fange ich an? Bedeutet Glück auch Erfolg? Wie setze ich Prioritäten – nach Aufgabe oder Person?

Stillstand. Halte für einen Moment die Zeiger an.

Leg das Handy weg, den Laptop auch. Mach die Geräte aus – nicht erreichbar, nur für einen einzigen Moment.
Innehalten. Kraft tanken. Visualisieren: Das ist wichtig.

Was ist wichtig, was ist nichtig? Eine Frage, die mich bewegt. Immer. Jeden Tag muss ich mich aufs Neue daran erinnern: an das Wichtigste. Zu oft vergesse ich, dass all das, was mir in diesem Moment wichtig erscheint nicht das ist, was am Ende zählt.

Die bevorstehende Thesis schleicht hinten in meinem Kopf seit Wochen schon herum, Geschenke müssen noch eingepackt werden und weitere hundert Punkte tummeln sich untereinander auf der To Do – Liste. Die letzten Punkte? Die kann ich schon kaum mehr lesen – keine Zeit mehr gehabt, sie überhaupt auszuschreiben.

Jetzt aber wirklich: Stillstand. Halte für einen Moment die Zeiger an.

All die Zweifel, ich leg sie beiseite. All die wirren Gedanken, all die To Dos und die Pflichten. Nicht alles auf einmal, eins nach dem anderen.

Zuerst das Wichtigste. Wenn du nicht weißt, was das ist, dann stell dir die Frage bis du es nicht mehr vergisst:
Was zählt am Ende wirklich?
Zählt das eine Kilo weniger auf der Waage? Tauscht du es ohne mit der Wimper zu zucken gegen die Zeit, die du damit verbracht hast, dich selbst vor dem Spiegel zu hassen? Wird die Woche vor der Abgabe zählen, in der du dich so verrückt gemacht hast, dass du nicht mehr schlafen konntest? Ziehst du sie tatsächlich einer ganzen Woche vor, in der du hättest glücklich sein können?

Was wichtig ist ist, dass du weißt, was wichtig für dich ist. Was wichtig ist, ist das, was dein Herz erfüllt. Was wichtig ist, ist das, was noch da ist, wenn alles andere weicht.

Und jetzt wünsche ich jedem von euch ein wunderschönes Weihnachtsfest. Auf dass jedes Fest, jeder Raum, jedes Herz von all diesen wichtigen  Dingen, Gefühlen und Menschen erfüllt wird. 

Fotos: Andy Ebner

Zwei Schlafsäcke, keine Zuflucht

Die Tür fällt ins Schloss. Einen Moment später bemerke ich beim fast schon automatisierten Griff in meine linke Jackentasche, dass ich etwas vergessen habe: den Schlüssel. Ein ungutes Gefühl macht sich in meinem Magen breit. Hier draußen hat es knapp unter null Grad Celsius und ich trage zwar meinen Wintermantel, die Kälte dringt aber dennoch zu jedem Quadratzentimeter meines Körpers durch.

Eine halbe Stunde später bin ich gerettet. Ersatzschlüssel. Nur kurz fünf Minuten zum Restaurant laufen, in welchem mein Freund arbeitet.
Schnell nachhause. Ins Warme.

Auf meinem Heimweg laufe ich durch eine kleine Unterführung, da sehe ich sie:

Zwei Schlafsäcke.

Ich laufe weiter, blicke kurz zurück, verstehe. Denke nach.

Zwei Schlafsäcke. Zwei Menschen. Zwei Plastiktüten. Keine Zuflucht.

Meine Schritte werden langsamer und mein vergessener Schlüssel kommt mir so nichtig vor. Eine ganze Nacht statt einer halben Stunde in der Kälte?
Unvorstellbar. Gefährlich. Unwürdig.

Und wieder einmal will ich abgeben. Alles, was ich zu viel habe. Alles, was ich nicht unbedingt brauche.
Wir leben in einer Welt, die von Konsum und Reichtum bestimmt wird.
Unser Alltag? Besteht aus Kassen. Rechnungen. Arbeit. Sorgen? Natürlich um Geld. Dass der Urlaub ins Budget passt. Dann London, Bangkok, Berlin und wenn wir knapp bei Kasse sind? Wird es eben mal nur ein Wochenende am Bodensee.
Arbeitslosigkeit. Angst. Onlineshopping, zwei Mal im Monat.
Mindestens.

Die Schubladen meiner Kommode gehen nicht mehr zu. Überfluss. Nichts anderes. Der Anblick? Macht mich irgendwie traurig. Von den Shirts ganz hinten im Schrank weiß ich nicht einmal mehr, dass ich sie besitze.

Und dann – in meinem Kopf: Zwei Schlafsäcke. Zwei Menschen. Zwei Plastiktüten.
Und ich: Ein Bett. Eine Wohnung. Ein Auto. Ein Kühlschrank. Ein Kleiderschrank. Eine Valentino. Fünf Mac Lippenstifte. Ein iPhone. Ein MacBook. Ein Bankkonto. Ein Job. Zukunftschancen.
Zuflucht.

Beim Kisten packen für den Flohmarkt am nächsten Tag fülle ich vier Umzugskartons mit Kleidern, die mir zwar noch passen, die ich aber nicht mehr anziehen möchte.

Irgendwas stimmt hier nicht.

Fotos: Andy Ebner 

Kopfschütteln, das Leben ist schön!

Nach der Arbeit fahre ich mit der U13 direkt zum Rotebühlplatz. Ich bin müde, aber ich will sie sehen.
Sie? Meine Freunde.
Am Montag ist es die Freundin, die ich seit Wochen nicht mehr gesehen habe.
Am Dienstag dann der Freund, der morgen für einige Wochen nach Californien fliegt.

Die Müdigkeit? Sie ist nach einigen Minuten verschwunden.
Eigentlich ist noch so viel zu tun. Aber das kann warten.

Die Stunden, die jetzt auf der Uhr ablaufen sind wertvoll, so wertvoll.

Als der Zug an meiner Haltestelle einrollt ist es bereits 23 Uhr. Um 6 Uhr werde ich wieder aufstehen. Der erste Kaffee. Der zweite. Büro. Arbeiten bis dieser Ablauf wieder von vorn beginnt.

Am Samstag ist der Tag ebenfalls durchgetaktet.
Frühstück in unserem Lieblingscafé. Ein zufälliges Treffen auf der Straße. Mittags sind zwei Stunden für die Familie eingeplant, Kaffee und Kuchen. Dann muss ich weiter.
Im Auto bin ich gestresst, bei meiner Freundin komme ich dann mit einigen Minuten Verspätung an.
Dann: Tee, Lachen, Schokolade.
Bei unserem Gespräch schaue ich stundenlang nicht auf mein Handy.
Diese Stunden? Sie sind wertvoll. So wertvoll.

Wir gehen in verschiedene Länder, wohnen in verschiedenen Städten, arbeiten an verschiedenen Orten. Und trotzdem – finden wir irgendwie wieder zueinander. Weil wir uns die Zeit nehmen. Weil die Zeit unsere ist.

Zwischendurch erwische ich mich dabei, einen negativen Gedanken zu hegen. Dass das alles zu stressig ist, dass zu wenig Zeit für mich bleibt. Dass zu viel einfach zu viel ist.
Aber nur ganz kurz.
Denn die Zeit ist zu wertvoll, erkenne ich und wimmle den Gedanken mit einem Kopfschütteln ab.

Es ist wieder Sonntagabend: Ich bin müde, ich bin kaputt. Aber ein Lächeln macht sich breit:
Das Leben ist schön, so schön. 

Fotos: Andy Ebner

Alles Gute, liebes Leben

6:10 Uhr. Der Wecker klingelt und ich drücke auf Snooze. Wie jeden Morgen. 6:19 Uhr. Raus aus dem Bett. Ich gehe ins Bad, schaue in den Spiegel, denke nach, lächle.

Heute ist mein Geburtstag. 
Heute bin ich seit 22 Jahren auf dieser Welt.

Auf der Arbeit werde ich so wunderschön überrascht, Mittags tut Mamas Umarmung gut, Nachmittags sitzen all’ die Menschen bei uns im Wohnzimmer, die mir in jedem Moment Halt geben und Abends esse ich Pasta mit der Liebe meines Lebens.

Und als der Tag sich dem Ende neigt denke ich nach – über die letzten 22 Jahre: 

Liebes Leben, du warst fies zu mir, zu uns. Fies und traurig, warst eine Elster – hast gestohlen, was am Schönsten geglitzert hat. 

Du warst aufbrausend wie ein Tornado, hast einige Stürme, die du nach Menschen benanntest, in die Luft geschickt.
Du warst und bist voll mit Gedanken. Gedanken, die manchmal laut sind wie Orchester, manchmal laut wie Sirenen.
Du warst ganz leise, ab und zu. Warst sanft, sachte, bedacht und küsst mich jeden Tag aufs Neue mit Liebe. 

Du hast mich verwirrt, tust es immer noch jeden Tag, stellst mich vor gigantische Mauern bittest mich darum, sie einzureißen. Du nimmst mir Kraft, lässt mich die Hände vor dem Gesicht zusammenschlagen, hinterfragen, zweifeln, schweigen.

Du gibst mir Kraft und Selbstvertrauen, Menschen, die Konfetti in meinem Alltag sind und die Fähigkeit bedingungslos zu lieben.
Ja! Du gibst mir Liebe, jeden Tag. Dankbarkeit, Mut, Vertrauen, Glauben.

Manchmal? Da bin ich sauer auf dich, hinterfrage dich. Aber was ich sagen kann ist, dass du schön bist, so wie du bist. Ich akzeptiere dich, mit all’ deinen Makeln, Fehlern, Hochs und Tiefs – mit allem was du an dir hast.

Liebes Leben, du bist nicht zu verstehen, aber ich würde niemals ein anderes wählen.
Jede Stunde, Minute, Sekunde mit dir ist ein Geschenk und das hier? Ist meine Liebeserklärung an dich.
22 Jahre? Die waren laut, viel zu schnell, vieles kam zu kurz, anderes hätte zu kurz kommen sollen. Viele Gedanken, viele Worte, viel Schönes gehört und Trauriges gefühlt.

Aber heute bin ich dankbar.

Alles Gute, liebes Leben. Auf dass jeder deiner Tage gefeiert wird und das hier noch lange nicht alles ist. 

So dankbar.

Fotos: Andy Ebner 

Kein Vergleich

Sie lacht nicht auf Bildern. Warum? Weil ihre Oberlippe so schmal ist, dass sie verschwindet, wenn sie ihre Mundwinkel zu einem Lachen formt.
Ganzkörperfotos? Sicher nicht – wenn, dann von der rechten Seite. Da sieht sie schlank aus, sagt sie. Hohe Schuhe tragen? Traut sie sich nicht. Nicht, dass die Leute denken, sie wäre eingebildet.
In Mathe sind die anderen besser – waren sie schon immer. Und auch beim Beachvolleyball-Turnier im Sommer sitzt sie lieber am Rand und jubelt ihren Freunden zu.

“Ich kann manche Dinge nicht so gut. Andere sind nunmal einfach besser als ich.”

Sie ist blond, schlank, groß. Bildhübsch. Und dennoch erkennt sie beim Blick in den Spiegel etwas ganz Anderes:
Zweifel.

Wann sie erkennen wird, dass sie gut ist, wie sie nunmal ist?
Vielleicht in einigen Jahren.
Vielleicht auch – nie. 

“Sie”? Steht für so viele Frauen, denen ich bereits begegnet bin.
Manchmal bin ich Eine von ihnen.

Zwischen all den perfekten Körpern auf Instagram wird unser Gepäck noch schwerer und vollgestopfter mit Unsicherheit die Kritik an unserem Spiegelbild nimmt zu.
Was abnimmt? Das ist Freude, Wohlfühlen, Selbstvertrauen.
Dabei ist das, was uns doch wirklich schön macht. 

Wir zweifeln an, wer wir sind, lieben nicht unseren, sondern alle anderen Körper und Gesichter und wenn wir uns selbst mal schön finden, dann wird dieser Gedanke gleich in dem Moment verworfen, in dem wir der ersten Frau begegnen, die “besser” aussieht als wir selbst.
Und dabei sind wir doch viel zu einzigartig, um uns zu vergleichen. Dabei macht ein Vergleich dieser Art uns immer mehr kaputt.

Darf ich mich schön finden?
Ja, verdammt nochmal – und zwar ohne dich zu vergleichen!

Du darfst das Kleid kaufen, das dir gefällt, ohne dir eine zweite Meinung einzuholen, darfst die Schuhe tragen, auch wenn du damit vielleicht größer bist, als viele der Männer in der Bar.

Du?
Du bist so schön.
Du!
Du hast allen Grund dazu, stolz darauf zu sein, wer du bist.

Fotos: Andy Ebner 

Wir sind also Menschen

Im Café sehe ich mir die alten Schwarzweiss Fotos an den Wänden an. Alte Möbel, wie damals in den Siebzigern. Neben uns sitzt eine Gruppe Frauen, jede von ihnen mit einer Kamera um den Hals. Gegenüber drei Freunde, alle trinken frischen, unter den großen Lampenschirmen dampfenden Tee. Ich denke nach.

Wir sind also Menschen.

Wir setzen uns in Räume, die wir Cafés nennen und bestellen ein Getränk, für welches wir mit unserer landesüblichen Währung bezahlen. Wir trinken Alkohol, manchmal wenig, manchmal zu viel, hören Musik und fühlen uns gut dabei – oder ganz traurig.

Wir sitzen auf Stühlen und schlafen auf Matratzen und Kissen. Wenn wir ein Problem haben? Gehen wir zum Arzt und holen uns eine Krankschreibung um dann Medikamente zu nehmen, welche jahrelang in Laboren entwickelt und an Tieren getestet wurden.
Wir rauchen Teer und tragen Fuchs und Hase tot auf unserem Körper. Essen die Tiere aus dem Streichelzoo oder entscheiden uns ganz bewusst dagegen.
Wir sagen “Ja” auf lebenslänglich und unterschreiben einfach auf einem Papier, wenn wir dann doch möchten, dass dieses lebenslänglich endet.
Wir schreiben Blogposts, veröffentlichen Bilder im von uns entwickelten Internet, welches die ganze Welt vernetzt, wollen Likes und machen alles “doch nur für uns selbst”.
Wir reisen in Flugzeugen auf andere Kontinente, aber auch nur, wenn es unser Kontostand und der Urlaubsanspruch genehmigen.

Wir Essen. Gerne. Fühlen uns ab und an schlecht danach und trainieren auf mit Strom betriebenen Geräten im Fitnessstudio den Überschuss an Kalorien wieder ab.
Wir machen Diäten, essen fettreduzierten Käse, kaufen Schuhe für halbe Monatsmieten.
Wir zweifeln an uns selbst, hassen Freunde und suchen uns Feinde. Schießen im besten Fall auf Wild, schlagen einen Unschuldigen in der Ubahn zu Boden.

Wir leben nach einem Gesetzbuch, das von uns eingeführt wurde und uns hinter Gitter bringen kann, schließen den oder den aufgrund der anderen Hautfarbe aus.

Wir haben Sorgen um Geld, Sorgerechtsstreits, Sorgen um Sorgen und reden uns ein, dass morgen besser wird, der Therapeut uns schon helfen kann, eine Freundschaft für immer ist und ein einziges Gebet uns erlösen wird.

Wir suchen Halt. In einem oder vielen Göttern, in Religion und rechtfertigen damit einen Krieg, der alle Gebote verletzt.

Wir fühlen uns alleine, sehnen uns nach Zweisamkeit. Lehnen diese ab, lügen, betrügen und wundern uns, warum die Beziehung wieder nur drei Monate gehalten hat.

Wir sind also Menschen.
Uns gehört doch die Welt, denken wir. Wir bleiben für immer und die Welt gehört uns nicht nur – sie dreht sich sogar um uns.

Am Ende? Zählt absolut nichts davon. 
Und genau deshalb zählt doch jeder einzelne Moment.

Kein Zuhause

Koh Tao, Thailand.
Es ist die zweite Unterkunft an dem vierten Ort, den wir bereisen.
Wir sind bereits seit zwei Wochen unterwegs. Langsam fühle ich mich rastlos.
Es sind fremde Gerüche, fremdes Essen, andere Sitten.
Andere Menschen.
Irgendwie habe ich ein klein wenig Heimweh.
Als ich einige Stunden später meinen Freund umarme, während wir in der Dämmerung mit dem Roller über die Insel fahren, sieht das schon anders aus.
Heimweh vorbei.
Ich habe ja doch alles im Gepäck, was ich brauche.

Zeitreise.
New York City, USA.
Es ist 2014 und ich bin zum ersten Mal hier.
In der ersten Woche ist alles so aufregend. Neu. In der zweiten Woche kennen wir das Straßenbahnnetz in und auswendig. In der dritten Woche fasse ich den Entschluss, später hier zu wohnen.
Ich will nicht mehr heim.
Vermissen? Tue ich nichts und niemanden.

Stuttgart, Deutschland.
Ich mache die Kühlschranktür auf. Obwohl er bis obenhin vollgestopft ist, finde ich nichts Essbares. Currypasten, Ketchup, zweierlei Frischkäse.
Ein bisschen Obst! Aber es gehört nicht mir, sondern meiner Mitbewohnerin.
Zuhause hätte es das nicht gegeben.
Zuhause? Damals, bei Mama meine ich.
Jetzt wohne ich bereits seit über einem Jahr nicht mehr zuhause. Mein Zuhause, so wie ich es kannte, existiert nicht mal mehr.
Jetzt? Bin ich hier gemeldet. In dieser Wohngemeinschaft mit meinem zehn Quadratmeter Zimmer.

Noch eine Zeitreise. Das Ziel? Die Zukunft.
Ich wohne in einer hellen Altbauwohnung mitten in der Großstadt. Laufe barfuß über das kühle Fischgrätenparkett auf den kleinen Balkon und genieße dort den ersten Kaffee am Morgen. Vielleicht bin ich verheiratet, vielleicht lebe ich hier alleine. Hier wohne ich. Das hier? Ist jetzt mein Zuhause.

Die Frage nach einer Definition von Zuhause? Ich denke, es gibt keine Antwort. Zuhause ist ein Gefühl. Nicht ein einziger Ort, eine Person.

Zuhause ist der Geruch nach Schwefel am See, Gemüsecouscous, den meine Mitbewohnerin für mich kocht, eine Tasse Tee auf dem Sofa mit Mama.

Sie geht nicht nach Amsterdam, weil sie Angst hat, Heimweh zu haben.
Er zieht nach Berlin, weil dort seine Familie wohnt.
Und ich? Ich denke darüber nach, ob Oslo nicht doch zu weit weg von hier ist.
Oder New York.
Stuttgart ist doch so wunderschön. Stuttgart ist doch Heimat.

Aber mein Zuhause – das habe ich doch dabei, wo auch immer ich hingehe. Meinen Freund direkt neben mir, Mama per Skype, Papa im Herzen. Immer.

Fotos: Andy Ebner