Nimm mich an der Hand

Ich lehne mich aus dem Fenster und schaue auf die Straße. Ich kann die Sonne hinter all’ den Autos erkennen und die Vögel singen zum ersten Mal an diesem Tag. Die Sonne bringt Licht in diese viel zu lange Nacht.

Deine Füße hinterlassen ein lautes Tapsen auf dem Holzparkett dieser Altbauwohnung und ich kann Deine kalten Hände schon jetzt auf meiner Haut spüren, obwohl Du noch einige Meter entfernt von mir stehst.

Ich drehe mich um und sehe Dich an. So, wie ich Dich auch am ersten Tag angesehen habe.
Da sind Zweifel in Deinem Blick, ganz viel Angst in Deiner Berührung. Ein “Ich habe viel erlebt” und ein “ich bin lange geschwommen, bis ich schließlich die Füße aus dem Wasser ziehen konnte”.
Da ist Sanftmut, versteckt hinter Bergen von “ich muss so tun als ob” und vielleicht zu viel Leidenschaft, Gefühl. Emotion.

Ich sehe Dich an. Und ich weiß es geht nicht.

Aber was, wenn Deine Hand meine noch will nachdem wir beide wieder weitergezogen sind? Was, wenn meine Hand Dich hoch, statt nach unten ziehen will und Dir den Rucksack leichter macht?
Was, wenn Deine Hand die Berührung meiner niemals vergisst?

Denn was, wenn Du loslässt, obwohl Du gerne festhalten würdest – sag mir, kannst Du dann wirklich jemals loslassen?

“Es geht nicht”, sagst Du und siehst mir in die Augen. Zum ersten Mal ehrlich. Zum ersten Mal so, als wüsstest Du jetzt, wer ich bin.
Die Sonne wird heller und hinterlässt einen Schatten auf meinem Gesicht, den Dein Finger umfährt. “Das hier geht nicht”, sagst Du und Deine Hand legt sich um meine Wange.
Du nimmst das Glas zur Seite, setzt Dich auf das rote Sofa und streckst Deine Hand aus. “Nimm meine Hand”, sagt Dein Blick. “Es geht nicht, aber berühr’ sie nur ein einziges Mal”.

Ich weiß, hier bei Dir ist kein Licht zu finden. Aber ich – ich trage es in mir, ich trage es bei mir – ich trage es zu Dir. Sicher nicht in den vergangenen Wochen, vielleicht nicht heute. Aber morgen. Oder am Tag danach. Denn ich weiß, dass alles in Dir sich danach sehnt, wieder – oder überhaupt jemals – zu leuchten.

Ich sehe Dich an. Und ich nehme Deine Hand, wenn Du mich lässt.

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