Angst um Zeit

Klappe auf, ein neues Pad in die Maschine. Wieder ein Doppeltes.
Ich muss wach bleiben. Kapitel 8 von 11 und nur noch drei Tage. Nur noch drei Tage bis zur Klausur. Und ich darf nicht durchfallen. Denn der Urlaub ist schon gebucht.
Darf nicht versagen.
Beim ersten Schluck meiner großen Tasse Kaffee kullert dann eine Träne über meine Wange.
Sie hat einen Namen:

Angst.

“Ich habe heute keine Zeit, Mama.”
Muss noch die Pakete zur Post bringen, meine Arbeitstermine abschicken, einkaufen gehen, einen Blogpost schreiben. Wir haben nichts mehr zu Essen im Haus.
Meine Familie? Die habe ich schon seit knapp zwei Wochen nicht mehr gesehen. Das Baby? Macht schon die ersten Schritte. Sie haben mir ein Video auf Whatsapp geschickt. Ich habe noch nicht mal seinen ersten Zahn gesehen.
Aber ich habe keine Zeit, heute nicht.
Und als ich dann in der endlosen Schlange am Postschalter stehe mit den Kleiderkreisel Paketen, die schon viel zu spät ankommen werden, überkommt mich ein ungutes Gefühl im Magen –

Angst.

Mal wieder dieselbe Diskussion.
Endlos.
Sinnlos.
Um was ging es nochmal? Ich weiß es nicht.
Wir diskutieren seit einer halben Stunde. Ist es das überhaupt wert? Habe ich es jetzt zu weit getrieben? Bin ich denn überhaupt gut genug? Bleibt er bei mir, egal was kommt? Kann ich allen Ansprüchen gerecht werden?

Noch eine Träne – immer noch dieselbe.

Angst. Angst. Ich habe Angst.

Ich habe Angst zu versagen, sie nie wieder zu sehen, ihm nicht zu genügen, nicht dabei zu sein, zu verpassen, zu viel zu tun. Oder zu wenig.
Nicht genug Zeit zu haben.

Und genau das ist das Problem.
Die Angst schränkt mich so sehr ein, dass ich vergesse, dass sie das einzige ist, was mich daran hindert, all diese Dinge überhaupt erfüllen zu können.

Denn – wie kann ich nicht versagen, wenn ich unsicher bin? Wie kann ich Entscheidungen treffen mit denen ich im Einklang bin, wenn ich aus Angst handle? Und wie kann ich jemals genug Zeit haben, wenn ich meine Zeit mit nichts als Sorgen fülle?

Zeit.

Das ist das einzige, was wir haben. Jetzt fällt es mir wieder ein. Zwischen Lernstress und Instagram habe ich vergessen, dass ich ja doch nicht ewig lebe.
Und Angst? Nimmt mir viel zu viel von diesem kostbaren Gut.

Ich weiß – sie kommt ab und an. Wenn wir sie nicht erwarten, nicht brauchen.
Es ist okay. Manchmal ist Angst okay, manchmal ist Angst sogar gut.

Aber ich will sagen: Ja, ich habe Nein gesagt. Nein zur zwanzigsten Überstunde. Ich habe gesehen, wie das Baby seinen ersten Schritt gemacht hat und ich war am Sonntag bei Mama Apfelkuchen essen. Ich schaffe die Prüfung schon irgendwie. Ich zweifle nicht an mir.

Ich will sagen: Ich habe keine Angst davor, nicht genug Zeit zu haben, weil ich die Zeit die ich habe nicht mit Angst fülle.

Fotos: Andy Ebner

Ich bleibe ich

Der Abspann läuft und ich denke nach. Mal wieder.
Die richtigen Worte brennen sich bei mir jedes Mal viel tiefer ins Gedächtnis, als irgendetwas anderes. Über was ich nachdenke?

Stell dir vor, du bist alleine.

Du wohnst in deinem kleinen, gemütlichen Ein-Zimmer-Appartement, kochst jeden Abend genau eine Portion. Für dich. Die Weinflasche? Sie hält eine ganze Woche. Ein Glas an diesem Abend. Nur für dich, da ist niemand anderes.
Du hast diesen einen Job bei der Agentur bekommen, endlich. Den morgendlichen Kaffee holst du dir gleich um die Ecke, bevor du reinkommst steht er bereit, denn sie wissen, was du bestellst.
Du lebst den Alltag, den du immer leben wolltest. Alleine. Und es fühlt sich so verdammt gut an. So gut.

Freitagmorgen: den Kaffee hast du bereits in der Hand, als du hastig um die Ecke biegst.
Ein Blick aufs iPhone.
Aufprall.
Dein Kaffee? Auf deinem Mantel.
Dein iPhone? Auf dem Bürgersteig.
Du willst es aufheben – eine andere Hand kommt dir zuvor. Du richtest dich auf und schaust den zugehörigen Menschen an – und bist bald nicht mehr allein.

Vielleicht zu überspitzt, zu kitschig. Aber was passiert nach dieser Begegnung?
Bist du dann immer noch gerne allein? Genießt du das Glas Wein, wenn kein Zweites neben dir steht und jemand mit dir anstößt?
Oder wirfst du alles über den Haufen? Und nach einigen Monaten dann, fällt dir auf, dass du vernachlässigt hast, mit den Mädels donnerstags Auszugehen, zum Sport zu gehen, deinen Kaffee ganz für dich zu genießen.

Noch vor einigen Monaten wäre mir bei dieser Frage schlecht geworden. Da gab es eine Illusion, eine Vorstellung von einem perfekten Alltag. Eine Vorstellung, die ich nicht umgesetzt habe. Vielleicht ein Gedanke, den fast jeder von uns in sich trägt.
Viel gedacht, gemacht. Nicht getraut. Zurückgezogen. Alles wieder nur im Kopf.

Jetzt? Jetzt bin ich Ich. Und keine Begegnung verändert das.

Ich setze Prioritäten, die nicht von einem Gefühl über den Haufen geworfen werden, schreibe feste Termine in meinen Kalender, die nicht abgesagt werden, weil ich mich nach jemand anderem richte.
Ich bleibe ich. Und ja, das ist egoistisch, vielleicht an einigen Ecken unsympathisch. Aber ein bisschen Egoismus – das ist notwendig, das ist verdammt gut.
Und heute? Heute bin ich ein positiver Mensch. Viel positiver, als zuvor. Viel glücklicher als zuvor. Selbstbewusster. Stärker.
Ich bin nicht unfehlbar.
Ich bin: oft zu laut, selten zu leise, überempfindlich, leidenschaftlich, verletzlich, verletzend, alles auf einmal und nichts davon einzeln.
Trotzdem bin ich nicht allein – aber ich kann, wenn ich will.

Was mir außerdem klargeworden ist? Die Worte in meinem Kopf? Sie sind zu schade, um sie für mich zu behalten. Manchmal viel zu schön, zu berührend, zu beeindruckend. Sie müssen raus, auf ein Blatt Papier, auf einen Blog.

Viel gedacht, gemacht. Doch nicht getraut. Zurückgezogen. Alles wieder nur im Kopf?
Nicht dieses Mal. Nein, nicht dieses Mal.

Fotos: Andy Ebner