Vielleicht sieht man sich bald wieder

Ich steige gestresst aus dem Wagen. Dreißig Minuten Verspätung. Ich bin müde, die Bahn kam zuerst zu spät und dann überhaupt nicht. Zum Bus hetzen, das falsche Einkaufen, Autofahrt.
Dass es Dich gibt weiß ich noch nicht. Aber irgendein Gefühl sagt mir seit einigen Tagen, dass dieses Wochenende etwas Besonderes birgt. Irgendein Gefühl sagt mir, dass jetzt, endlich, ganz genau nach einem Jahr, die Zeit ist, um zu Finden.

Du strahlst. Und Du bist schön. Du siehst aus wie Er – ein ganz kleines Bisschen. Wir reden.
“Hier. Falls es brennen sollte”, sagst Du, lachst und streckst mir die rote Visitenkarte entgegen.

In meinen Gedanken? Da sind wir Sonntag Abends in die Weinberge gefahren, haben ein, zwei Bier beim Sonnenuntergang getrunken. Geredet, die Decke um uns gelegt. Bis spät nachts gelacht und im Bus übernachtet. Wir haben den Anderen kennengelernt, ich hab Dir so vieles erzählt, für Dich gekocht, Dich überrascht. Mich selbst überrascht. Und mich ein ganz kleines Bisschen verliebt.

Verliebt – das war ich schon lange nicht mehr. Rationalität macht sich breit, überall, seitdem Du mir beigebracht hast, dass Gefühle gesteuert und unterbunden werden können.
Weil Gefühle zulassen gleich “einladen” bedeutet. Ein “komm-ich-zeig-Dir-meine-Welt”, ein “ich-trau-mich-etwas-zu-verlieren”.
Und ich hab schon verloren, ein, zwei Mal. Lieber Mauern bauen, statt tief in die Augen schauen. Lieber gar nicht erst berühren, statt nie mehr berühren zu können.

Aber dann steige ich aus dem Auto und Du stehst da. Und ich traue mich. Weil ich will. Zum ersten Mal nach einem Jahr.

In meinem Kopf ging das Ganze ziemlich schnell. Dabei stehen wir immer noch hier. Auf dem Parkplatz. Du mit dem schlechtesten Getränk des Jahres, ich mit Deiner Visitenkarte.
“Vielleicht sieht man sich bald wieder”, sagst Du und gehst in Richtung Schranke.
“Ja, vielleicht.”

Fotos: Constantin Schiller
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Ein Gedanke zu „Vielleicht sieht man sich bald wieder

  1. Maus,
    Ich habe Tränen in den Augen, so schön geschrieben und so schön auf den Punkt gebracht!
    Liebe Grüße,
    Kerstin

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